Moderne Liebesgedichte

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Moderne Liebesgedichte

„Muss einer denken, wird er nicht vermisst?“ fragte Ingeborg Bachmann in einem ihrer schönsten Liebesgedichte mit dem Titel „Erklär mir, Liebe“. Moderne Liebeslyrik ist wie in allen Jahrhunderten von der Sehnsucht nach dem Du, dem Anderen, geprägt. Doch erscheint sowohl das Du als auch die Beziehung zu ihm als zersplittert, reflektiert, eine Annäherung fast unmöglich. „Es ist, was es ist“, sagt die Liebe in Erich Frieds Gedicht „Was es ist“. Doch die Anerkennung dessen, was ist, ist kein typisches Merkmal moderner Lyrik.

Das Aufbrechen der Form und das Ausbrechen aus überkommenen Motiven, der Verzicht auf den Reim sind wesentliche Merkmale moderner Liebesgedichte. Das bedeutet jedoch nicht, dass moderne Liebesgedichte formlos wären. Der Gestaltungswille äußert sich in ungewöhnlichen Wiederholungen, in Alliterationen und Wortspielen, in Zitaten, im Spiel mit der Form mehr als in der starren Einhaltung von metrischen Regeln. Bis ins Absurde trieb dieses Spiel mit dem Regelbruch bereits der Dadaismus, zu dessen bekanntesten Liebesgedichten wohl Kurt Schwitters „An Anna Blume“ gehört. 27 Sinne spricht er sich selbst darin zu, mit denen er seine Geliebte wahrnimmt. Und während er einerseits ins Plaudern über seine Geliebte gerät, schließt er den Leser doch andererseits dezent aus: „Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, —- wir? Das gehört beiläufig nicht hierher!“

Weniger verspielt und politisch engagiert zeigte sich vor allem die Lyrik der 1970er und 80er Jahre. Die Liebe geriet ins Kreuzfeuer der Gesellschaftskritik, formale Gestaltungselemente waren verpönt, Realismus gefragt. Teilweise war es nur noch der Zeilenumbruch, der das Gedicht vom nicht-lyrischen Text trennte. Gerade die Suche nach der Form prägt hingegen eine breite Strömung aktueller Lyrik. Entscheidende Merkmale sind dabei eine hohe Klangdichte, extreme Metaphern und eine Anhäufung von sinntragenden Elementen, die sprachlich verdichtet werden. Die zuvor im Vordergrund stehende Aussage tritt in den Hintergrund, das sprachliche Bild, das den Augenblick spiegelt, gewinnt zunehmend an Bedeutung.